Milliardengrab Familienpolitik?

Zwei hoch qualifizierte Mütter berichten von ihren Lebensmodellen und fordern ein generelles Umdenken ...

Ehegattensplitting, Elterngeld und die beitragsfreie Mitversicherung in der Krankenkasse: Rund 200 Milliarden Euro gibt der deutsche Staat jedes Jahr für Familien aus – im europäischen Vergleich eine riesige Summe. Doch diese familienpolitischen Maßnahmen blockieren sich offenbar gegenseitig, wie Experten bemängeln: Trotz des Potpourris an Leistungen werden nicht mehr Babys geboren, und die Karrieremöglichkeiten für Mütter sind nach wie vor überschaubar geblieben.

Rollenverteilung:

Eines der Hauptprobleme scheint zu sein, dass die Politik zwischen zwei völlig entgegengesetzten familienpolitischen Ansätzen schwankt: Während mit dem Ehegattensplitting noch die klassische Rollenverteilung aus den 1950er Jahren mit Alleinverdiener, Hausfrau und Kind(ern) gefördert wird, soll mit anderen Maßnahmen wie dem Elterngeld und der Schaffung von Kita-Plätzen für unter Dreijährige erreicht werden, dass Frauen möglichst schnell wieder in ihren Job zurückkehren. Das geplante – und höchst umstrittene – Betreuungsgeld hingegen begünstigt wiederum das Modell der Hausfrau und Mutter, die zu Hause bleibt und den Nachwuchs betreut. Eine klare Linie sieht anders aus. Wie kommen all diese Maßnahmen bei denjenigen an, um die es eigentlich geht? Schaffen gut ausgebildete Frauen nach der Babypause den Wiedereinstieg in den Beruf – und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Was halten junge Eltern von Ehegattensplitting, Betreuungsgeld & Co.? Zwei Beispiele aus der Region.

Liberalität

»Ich bin liberal eingestellt und vertrete die Meinung, dass jeder die Möglichkeit haben sollte, sein gewünschtes Lebensmodell zu leben«, sagt eine 41-Jährige aus Leingarten, die nicht namentlich genannt werden möchte. Das würde für sie beinhalten, dass die Kinderbetreuung endlich weiter ausgebaut wird – auch wenn sie selbst davon keinen Gebrauch macht. Die ausgebildete Steuerberaterin ist Mutter von zwei kleinen Kindern und hat sich ganz bewusst gegen eine Rückkehr in ihren Beruf entschieden. Sie möchte für ihre Kinder da sein, denn ihr Mann, ein Manager, ist meistens zwölf Stunden am Tag bei der Arbeit und steht für die Betreuung kaum zur Verfügung. Eine Rückkehr in Teilzeit würde sich außerdem für sie nicht lohnen: Sie hat ausgerechnet, dass sie in Steuerklasse fünf für jede 100 Euro Verdienst 70 Euro wieder abgezogen bekäme. Das Ehegattensplitting nimmt hingegen in ihrer Familie »die Progression raus«, wie die Fachfrau erklärt: Dadurch, dass sie nichts verdient, hat ihr Mann deutlich geringere Abzüge. Ausschlaggebend sind die schlechten Verdienstmöglichkeiten zwar nicht bei ihrer eigenen Entscheidung gegen die Rückkehr in ihren Job, trotzdem sagt sie: »Wenn die Politik will, dass mehr Akademikerinnen arbeiten, dann ist das kein guter Anreiz.«

Alleinerziehend

Ein ganz anderes Modell lebt Andrea Lässing aus Heilbronn mit ihren zwei kleinen Töchtern. Die 44-Jährige, die früher als Unternehmensberaterin gearbeitet hat, ist alleinerziehend – und muss jeden Monat dafür Sorge tragen, dass die Familie genügend Geld zur Verfügung hat. Doch wie sollte das zusammengehen: Arbeiten und gleichzeitig die Kinder gut versorgt wissen, wo sie doch für ihre große Tochter, heute vier Jahre, zwei Jahre lang auf einen Krippenplatz warten musste? »Aus der eigenen Betroffenheit heraus« und im Wissen um den »allgemeinen Betreuungsnotstand« entschied sich Andrea Lässing zu handeln: Sie gründete 2012 das »Nordstadthaus« in Heilbronn, eine Einrichtung für Kleinkinder ab dem sechsten Lebensmonat, die zwölf Stunden am Tag geöffnet hat. Ein Modell, das ihrer Meinung nach dringend noch mehr Schule machen müsste, um – vor allem Müttern – den Wiedereinstieg in den Beruf zu erleichtern und um genügend hochwertige Betreuungsangebote, zum Beispiel auch für Kinder aus sozial schwachen Familien, zu schaffen. Ihr Wunsch an die Politik wäre entsprechend, vom Betreuungsgeld zu lassen: »Davon halte ich gar nichts« – und stattdessen lieber umfassend in Kitas und Ganztagsschulen zu investieren.

Umdenken

Beide Frauen sind sich einig: Jeder sollte nach seinen Wünschen leben können. Aber genau da liegt offenbar ein weiteres Problem: Die 41-Jährige aus Leingarten hat selbst schon die Erfahrung gemacht, dass sie für ihr Lebensmodell schräg angesehen wurde – nach dem Motto: »Die liegt ihrem Mann nur auf der Tasche.« Sie findet: »Ein generelles gesellschaftliches Umdenken« hin zu mehr Toleranz und mehr Wahlmöglichkeiten müsse her: »Von den ganzen Einzelmaßnahmen müssen wir wegkommen.« Den Einstieg in diesen Prozess dürfte der anstehende Bundestagswahlkampf bieten – die Parteien haben die Familienpolitik als heißes Wahlkampfthema entdeckt

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